Wunderwelt der Früchte

Erzähler

Erzähler

Freies, mündliches Erzählen bedeutet für mich, der ausgewählten Geschichte einen neuen Atem geben. Im Augenkontakt mit den Zuhörern bekommt das Erzählte seine ureigene und einzigartige Ausprägung. Dieses Erzählen bezieht den Zuhörer ein, findet im Kontakt mit ihm statt, wendet sich so direkt an ihn, dass es gelegentlich zu verbaler Interaktion kommt.

Zusätzlich zum Hören, wo – wenn alles klappt – die Zuhörer einem gemeinsamen Atemrhythmus zustreben, sozusagen eine "Atemgemeinschaft" bilden, bei der jede zuhörende Person seine eigenen inneren Bilder erlebt, gibt es außerdem feine Schmeck-Reize, die ich mit (Trocken-)Früchten von bester Qualität setze. Erzählen ist das einfachste, älteste und direkteste Medium – es ist nicht Zerstreuung, sondern führt zur Sammlung, ist nicht Unterhaltung, sondern baut einen Spannungsbogen auf hohem Niveau.

Mein Erzählprogramm will interessierten ZuhörerInnen authentischen Genuss und sinnliche Nahrung bieten und versucht, verdichtetes Sein und geistreiche Präsenz zu teilen.

1. G. Casanova: Die Flucht aus den Bleikammern

Casanova hat diese Geschichte zwar aufgeschrieben (weil seine Zähne in späteren Jahren seine Artikulation beeinträchtigten, merkt er nicht ohne Koketterie an), vor allem aber immer wieder in Gesellschaften erzählt. Diese Flucht – und ein gewonnenes Duell gegen einen bekannten polnischen Grafen – haben ihn zu Lebzeiten berühmt gemacht, nicht seine Frauengeschichten. Die Geschichte dieser Flucht ist tatsächlich bemerkenswert – als Ausdruck eines unbeugsamen Geistes (schließlich war C. der erste, dem dieses Bravourstück gelang) aber auch wegen der emotionalen Skala der Gefühle, die der Held durchläuft – von der schlimmsten Verzweiflung (als er sich allein im dunklen Kerker eingesperrt erlebt) bis zum Augenblick der größten Erleichterung, als er mit seinem Komplizen Pater Balbi an einem sonnigen Tag auf einer Gondel aus Venedig hinaus gerudert wird und Tränen der Freude ihm übers Gesicht strömen.

2. G. Casanova: Liebesleid und Liebesglück

Der Nachwelt ist dieser berühmte Sohn Venedigs als großer Verführer bekannt, ja sein Name wurde zum Synonym für einen Frauenhelden. Er selber sah sich auch als „Opfer seiner Sinne“ und schon seine bemerkenswerte Notiz zum Liebesgenuss zeigt die andere Seite des strahlenden Helden in Liebesdingen: „Das weibliche Geschlecht dient dem männlichen als Speise..."
Casanova bezichtigt sich selber der Naschhaftigkeit in Liebesdingen und selbst in seinem Altersdomizil in Dux klagt er noch, wie sehr er ein Leben lang seine Mutter, eine höchst begehrte Schauspielerin, vermisst hat und noch immer vermisst. Die einzelnen Stationen seiner Liebesabenteuer sind geradezu archetypisch für einen Weg des Mannes – lehrreich und sehr menschlich zugleich.

3. N. Leskov: Das Tier

Leskov ist für viele vielleicht der „russischste“ Erzähler, wenn auch nicht so berühmt wie andere Namen der Weltliteratur, aber deswegen nicht von minderer Qualität. Ein Querkopf mit Tiefgang, der oft gegen Moden und Zeitgeist anschrieb, deshalb aber Zeitlos-Gültiges schaffen konnte. „Das Tier“ ist eine beeindruckende Weihnachtserzählung, ein Gang durchs Fegefeuer mit glücklichem Ausgang, der den Zuhörer in den Frieden entlässt. Diese Erfahrung stellt sich ein, wenn wir versuchen, die heilende Essenz der Weihnachtsbotschaft zu begreifen.

4. A. Stifter: Abdias

Eine wunderbare Erzählung über das Abenteuer des Mensch-Seins, in der der Dichter vor allem auf das Geheimnisvolle, das jedes Menschenleben im Kern ausmacht, hinweist. Sehr starke, mächtige Bilder, Farben und Sehen selbst werden auf unnachahmliche Weise thematisiert. Die tragische Geschichte des Juden Abdias, in dem sich jedes Menschen Schicksal in einprägsamen Bildern verdichtet.

5. A. Stifter: Bergkristall

Eine sehr klare, extrem verdichtete Weihnachtsgeschichte (zuletzt wieder neu verfilmt) – ein Zurückgehen in unsere Vergangenheit, die uns vielleicht mit einem neuen Verständnis, was menschliche Gemeinschaft, Schicksalsgemeinschaft bedeutet. Nicht leicht zu erzählen, sehr zu Herzen gehend, aber im Wesen nicht kitschig. Durch das Erzählen, das gleichsam ein zur Seele des Menschen Sprechen ist, sieht jeder seinen persönlichen, einzigartigen inneren Film.

6. Das Nibelungen-Epos

Viele Jahrhunderte lang wurde diese farbenfrohe Geschichte mündlich weitergegeben, bis sie dann aufgeschrieben jahrhundertelang ruhte um – einmal wiederentdeckt – unbestreitbar zu neuem Leben zu erwachen. Denn die beschworenen Bilder haben Leben in sich, geben unserer Seele eine Ahnung von vorchristlichem Lebensgefühl – wenn wir tief genug hinunter, weit genug zurück schauen, erleben wir, dass Siegfried und Hagen, Kriemhild und Brünhild Teil unserer eigenen Ur- und Instinkt-Natur sind. Weibs- und Mannsbilder werden da beschworen, die ihre Faszination – so fremd sie auf den ersten Blick auch scheinen mögen – noch lange nicht verloren haben...

7. Der Ring der Nibelungen (nach Richard Wagner)

Richard Wagner hat altnordische Quellen angezapft, die er – nicht immer mit Recht – für älter und authentischer hielt. Für alle, die die komplizierte Story des Wagnerischen Mythos einmal einigermaßen durchschauen wollen, sei es, um der Opfer ohne Stress folgen zu önnen, sei es einfach, um dem Gedankengebäude des Komponisten weniger fremd gegenüberzustehen.

Dr. Joseph Suppan | An der Zaya 283, A-2151 Asparn an der Zaya | Mail: zar_der_fruchte@yahoo.de | Tel: +43 2577 84 168 bzw. +43 650 344 39 36